Porsche 911 Turbo S: Schluss mit Etikettenschwindel

Turbo ist auch nur noch ein Name und die Zeiten, in denen man sich zumindest bei Porsche auf dessen Substanz verlassen konnte, sind leider vorbei. Denn längst steht nicht mehr überall Turbo drauf, wo auch ein Lader drin ist. Und seit dem Debüt des elektrischen Taycan gilt auch das Gegenteil und nicht jedes Auto löst das Versprechen ein, das der Schriftzug am Heck abgibt. Stefan Walliser kennt diese Diskussionen zur Genüge, schließlich leitet er die 911-Entwicklung und hat deshalb den Etikettenschwindel bei den Basis-Modellen des Sportwagens mitzuverantworten, die längst mit Lader fahren, ohne dass es draufstehen würde. Doch hier und heute hat er gut lachen. Denn gerade sitzt er in einem Vorserienauto, das über jeden Zweifel erhaben ist und seinen Namen völlig zurecht trägt: Dem neuen Porsche 911 Turbo S.

Von Thomas Geiger

Wenige Wochen vor dem Produktionsbeginn und der Markteinführung im Frühjahr ist er mit seinem Team in den französischen Seealpen unterwegs und gibt dem kommenden Oberhaupt der Sportwagenfamilie auf der Route der legendären Rallye Monte Carlo den letzten Schliff. Dabei fühlen sich Coupé und Cabrio auf den engen Straßen rund um den Col de Turini genauso wohl wie auf der Autoroute entlang der Küste, wo eigentlich nur das Tempolimit den Genuss stört. Denn einmal mehr haben die Schwaben dem Spitzenmodell zwei Gesichter gegeben und ein Auto gebaut, das die potente Souveränität des luxuriöses Gran Tourismo genauso beherrscht wie den Angriffsmodus eines Supersportwagens und mit jedem Gasstoß lautstark „Attacke“ brüllt.

Dafür haben sie in Weissach das Fahrwerk neu abgestimmt, eine neue Mischbereifung aufgezogen und die Aerodynamik verbessert. Der mächtige Spoiler am Heck ist deshalb zusammen mit der gut vier Zentimeter breiteren Karosse nicht nur das untrügliche Erkennungsmerkmal des Turbo in Zeiten, in denen man sich auf den Schriftzug alleine nicht mehr verlassen darf. Sondern im Teamwork mit der aktiven Buglippe gibt er dem Elfer den nötigen Abtrieb, der auch bei der wildesten Kurvenhatz den Abflug verhindert.

Vor allem aber haben sie den Motor getunt und Walliser verspricht einen Sprung, wie es ihn selbst bei Porsche selten gibt: Nicht mehr 580, sondern satte 650 PS leistet künftig der 3,8 Lite große Boxer im Heck und liefert dabei ein maximales Drehmoment von 800 Nm. Während das auf der Autobahn für die nötige Souveränität sorgt und im Ernstfall wie bisher für 330 km/h reicht, wirkt der Elfer damit auf der Landstraße noch spritziger und spontaner und zum Überholen reichen dem Baureihenleiter zur Not auch mal zwei, drei Fahrzeuglängen, wenn sich während der Abnahmefahrt tatsächlich ein Kangoo oder ein Berlingo auf die verlassenen Straßen traut. Lenker nach links, Fuß aufs Gas, zurück nach rechts – war das was? Noch eher der Blick wieder scharf gestellt ist, schwindet der Hintermann zu einem Fliegenschiss im Rückspiegel.

Potenter Gleiter und gieriger Kurvenbeißer – diese beiden Extreme hat der 911 Turbo schon immer bestens vereint. Aber in der neuen Auflage macht er es eben wieder ein bisschen besser. „Fahrbarkeit und Beherrschbarkeit“, standen für Baureihenchef Walliser ganz oben auf der Liste, erzählt der Ingenieur, während er seinen Prototypen förmlich mit dem kleinen Finger durchs Gebirge führt und dabei trotz seines schweren Gasfußes noch immer eine Hand frei hat zum Reden.

Wild brüllt der Sechszylinder durch den neuen Sportauspuff und lässt sich von keinem Partikelfilter der Welt die Stimme versauen, rasend schnell wechselt die verstärkte Achtgang-Doppelkupplung die Fahrstufen und spätestens wenn Walliser am noch immer ziemlich billig wirkenden Drehschalter im Lenkrad auf Sport Plus wechselt, zündet der Elfer den Nachbrenner und man fühlt sich wie Walter Röhrls Beifahrer auf dem Weg zum Rallye-Titel.

Dass der neue Turbo so viel besser fährt und vor allem so viel schneller sprintet, hilft Walliser nicht nur im Ringen mit der Konkurrenz aus Italien und England, sondern auch im internen Kräftemessen. Denn mit seinen 2,7 Sekunden von 0 auf 100 ist er – und das ist für die Elfer-Mannschaft vielleicht die größte Genugtuung – auch schneller als der Taycan Turbo S und rückt damit das Weltbild der Vollgasfraktion wieder zurecht: Nur Turbo drauf schreiben, reicht nicht. An die Spitze fährt man nur, wenn auch Turbo drin ist.