VW Grand California

Grand Glamping

20 Jahre ist es her, dass Volkswagen in Zusammenarbeit mit den Camping-Kapazundern von Westfalia erstmals den VW-Bus als California vorstellte. Mit noch reichlich Hippie-Spirit der guten Urahnen Bulli und Samba blieb das kompakte Reisemobil auf Basis des Transporter trotz aller Weiterentwicklung kleiner als, sagen wir mal, „echte“ Wohnmobile. Mit dem Grand California ändert sich das nun gewaltig.

Text: Markus Höller

Wenn in dem nach allgemeinem Konsens recht bescheiden ausgefallenen Frühling 2019 die Autobauer aus Wolfsburg zu einer Pressereise nach Gran Canaria laden, nimmt der gefrustete und Vitamin D bemangelnde Redakteur gerne ohne Vorbehalte an. Was präsentiert wird, ist da eher Nebensache. Camping also? Hm. Obwohl ich mich von bescheidenen Anfängen auf Festivals mit warmem Bier und beengten Verhältnissen auf der Mazda-323-Rückbank über Zelten mit der Familie in Kroatien bis zur Pilgerfahrt zum Nürburgring im geliehenen Wohnmobil durch alle Eskalationsstufen des holländischen Nationalsports durchgearbeitet habe, weine ich dem latenten Komfortmangel beim Campen jetzt im reiferen Alter nicht unbedingt nach.

Genaueres Studium der Einladung pegelt das erste Erschrecken, denn ich werde drei Tage nebst zwei Nächten nicht in dem aufgrund der kompakten Abmessungen eher engen Reisemobil California auf Transporter-Basis verbringen, sondern im brandneuen Grand California. Und der basiert auf dem deutlich größeren Crafter. Aha! In der Praxis heißt das: sechs Meter Gesamtlänge inklusive Hochdach. Das bedeutet im Inneren fast 2,20 Meter Stehhöhe und ein quer eingebautes Doppelbett mit immerhin 193 x 140 cm Liegefläche – Abmessungen, die nicht nur Menschen im Tom-Cruise-Format wie mir, sondern auch Kingsize-Humanoiden ausreichend Komfort und Bewegungsfreiheit ermöglichen.

Heizung und Klima sowieso, dazu eine Nasszelle mit Dusche und Toilette, von Thetford natürlich – der reinliche Camper in mir nickt anerkennend. Also auf nach Gran Canaria, etwas Sonne tanken und mit dem für Lenkerberechtigung B passenden Heim auf vier Rädern die ausgesprochen schönen und selektiven Straßen im Hinterland erkunden.

Die vom Hersteller vorgeschlagenen Routen haben es in sich. Who the fuck is Glocknerstraße, sag ich da nur. Die Redakteurs-Kollegen diverser Medien (jeder hat seinen eigenen Grand California) und ich legen in den drei Tagen gute 300 km zurück. Das klingt nach nicht viel; Wenn man das aber auf gut und gerne 4.000 Höhenmeter und unzählige Kurven, Spitzkehren und Serpentinen verteilt, lernt man ein Auto schon ganz gut kennen. Und da sind wir dann auch gleich beim beeindruckenden Fahrverhalten des Grand California.

Sobald man am Fahrersitz Platz nimmt, den 8-Stufen-Automatik-Hebel auf D stellt und das kompakte, PKW-artige Lenkrad greift, vergisst man bald den Rest hinter sich. Also die sechs Meter Länge, rund drei Tonnen Eigengewicht, die durch Kühlschrank, Frischwasser- und Abwassertank doch an Masse gewinnen. Denn der üppig ausgestattete Deluxe-Reisebrummer lässt sich bei allen Straßenverhältnissen agil bewegen und vermittelt einem trotz motivierter Fahrweise ein sicheres Fahrgefühl.

Die Abstimmung des 2-Liter-Turbodiesels mit dem Automatikgetriebe ist hervorragend gelungen, ebenso wirkt die Bremsanlage auch bei prolongierter Bergabfahrt ohne Motorbremse stets souverän. Den Crafter-Genen ist das äußerst straffe Fahrwerk geschuldet, das zwar bei holpriger Strecke für ein wenig Gerumpel in den unzähligen Staufächern sorgt, dafür aber selbst bei energisch angefahrenen Kurven für kaum spürbare Neigungen oder Lastwechselreaktionen sorgt. Inwieweit hier diverse Elektronik-Assistenten unter die Arme greifen, ist schwer einzuschätzen, da diese ihre Arbeit sehr diskret verrichten. Wirklich fein, wenn so ein doch mächtiges Gefährt sich gefühlt wie ein Golf bewegen lässt und stabil um Kurven geht wie eine LEGO-Eisenbahn!

Sobald man einen Platz für den stationären Aufenthalt auserkoren hat, beginnt das tatsächliche Camping-Leben. Oder besser gesagt: Glamping. Denn mit der großzügigen Ausstattung des Grand California ließen sich auch verwöhnte Großstadt-Influencerinnen Marke Coachella zufriedenstellen. Via Touchpad lassen sich diverse Funktionen wie Licht (inkl. Farbwähler beim Ambient Light), Wassertemperatur, Heizung und Klima steuern, optional kann hier auch das Entertainment-System angesteuert werden. Ich empfehle nachdrücklich diese Ausstattungsoption, da das werksmäßig verbaute Musiksystem auch für nicht-audiophile Ohren leider nach dem klingt, was es ist: ein Crafter-Radio.

Alles drin, alles dran. Der Grand California lässt punkto Wohnkomfort on the road nichts vermissen und bietet reichlich Platz für Paare. Das Fahrverhalten ist in seiner Klasse unerreicht.

Ansonsten aber kann die Elektronik, sowohl im Cockpit als auch im Wohnraum sehr übersichtlich und einfach zu bedienen, wirklich alles. Sorgen um schwächelnde Batterien sind unbegründet, denn eine auf der Stirnseite des Hochdachs integrierte Photovoltaikfläche sorgt tagsüber für zusätzlichen Ladestrom.

Bevor aber jetzt Papa den Jesolo-Familienurlaub für die nächsten 15 Jahre storniert und bei VW bestellt: Der Grand California ist trotz der grundsätzlichen Auslegung für vier Personen mit optionalem Hochbett im Alkoven eher für Paare gut. Bei anhalten dem Schlechtwetter oder langen Autobahnetappen wird es zu viert dann doch ziemlich gedrängt, auch ist die Zweierbank für die Fondpassagiere eher knapp dimensioniert. Selbst der Fahrradträger mit eben nur zwei Aufnahmen spricht hier eine deutliche Sprache.

Die Nasszelle ist funktional und ausreichend groß, dank des 110-Liter-Frischwassertanks muss man auch abseits von Campingplätzen mit sanitärer Infrastruktur nie um seine persönliche Hygiene bangen. Bekennende Warmduscher wie ich müssen dank zuverlässiger Steuerung und Platz für gleich zwei Gasflaschen auf das wohlige Gefühl aus dem Boiler wie daheim nicht verzichten. Die Kochnische bietet mit zwei Gasflammen, diversen Ablageflächen und dem 70-Liter-Kühlschrank mit Gefrierfach und Nachtschaltung auch für kritische Hobbyköche und Cocktailmixer ausreichend Ausstattung.

Im stationären Betrieb ermöglichen die integrierte Markise, Moskitonetze bei allen Luken und der Seitentüre sowie eine automatische Trittstufe entspanntes Wohnen, idealerweise nützt man dazu auch die in den Hecktüren verstaubaren Campingmöbel. Zwei Sessel gibt’s und einen Tisch – hier kommt ebenfalls das eigentliche Zweierkonzept zum Tragen.

Der Grand California ist ein ausgesprochen gelungenes Reisemobil, das neben überzeugenden Fahrleistungen viel Komfort und ansprechendes Design bietet. Und anders als mit typischen Wohnmobilen lassen sich mit dem Ungetüm zumindest am Land alle alltäglichen Routen wie etwa zum Einkauf auch so erledigen. Das Alltagsauto kann man sich so zumindest theoretisch sparen.