Lichtgestalt

100 Jahre Bentley: Voraus in die Zukunft

Zum runden Jubiläum fährt die englische Luxus-Schmiede nicht nur den Continental GT Convertible – als W12 und jetzt auch als V8 – sowie den Bentayga Hybrid und den neuen Flying Spur auf. Krönung des Centenary Geburtstagsfests am 10. Juli aber ist das Concept Car EXP 100 GT.

Text: Beatrix Keckeis-Hiller / Bilder: Beatrix Keckeis-Hiller, Bentley Motors

Die Historie von Bentley ist eine erstaunliche. Auf Seriensiege der 24 Stunden von Le Mans, der Mutter aller Langstreckenrennen, in den 1920er- und 1930er-Jahren – 1924, 1927, 1928, 1929, 1930 – folgte gewissermaßen ein jahrzehntelanges Vakuum. Unter den strengen Fittichen von Rolls Royce. Die Rückkehr des Flying B auf eigene Beine und zu eigenen Modellen erfolgte ab 1998 mit der Eingliederung in die Familie der Volkswagengruppe. Markiert wurde das, neben der neuen Continental-Generation, von einem stilgerechten Paukenschlag: 2003 stand in Le Mans wieder ein Bentley als Nummer eins auf der Siegertreppe. Es war der Speed 8, pilotiert von Derek Bell und seinem Team.

Ohne Rennsport-Gene geht bei den Edel-Briten mit Stammsitz in Crewe, Cheshire, in den Midlands nach wie vor gar nichts. Selbst im Zugeständnis an den SUV-Zeitgeist, dem Bentayga, steckt Walter Owen Bentleys need for speed, siehe die jüngste „Speed„-Variante (mit 635 PS) des mächtigen Monolithen, der sich jetzt in eine auch nicht unsportliche Hybrid-Version (mit 449 PS) verzweigt hat.

In diese Richtung und weiter weist das echte und eigentliche Geburtstagsgeschenk, das sich Bentley – zusätzlich zu Continental GT Convertible (W12 mit 635 PS, neu V8 mit 550 PS) und der Neuauflage des Flying Spur – selbst gemacht hat: das Concept Car EXP 100 GT. Klar sind hier Anklänge an das vorangegangene Projekt EXP 10 Speed 6 zu erkennen. Doch geht die neue Zukunftsvision einen Schritt weiter, die Studie weist nicht nur in die mögliche Zukunft des Elektroantriebs  (die in Richtung Brennstoffzelle, in weiterer Konsequenz mit aufladbarer Batterie gehen könnte), sondern auch in die angekündigte Epoche des automatisierten Fahrens.

Was bis 2035 von Bentley zu erwarten sein könnte, das ist quasi eine Lichtgestalt. Eine Komposition aus nachhaltigen, doch unverändert luxuriösen Materialien, garniert mit allen Regeln externer und interner Beleuchtungskunst. Nicht vernachlässigen will man den prinzipellen Grundsatz der bekannten Fahrdynamik. Die soll eingebettet sein in ein engmaschiges Netz an elektronischen Assistenz- und Infotainment-, sowie Komfort-Systemen, verknüpft mit Künstlicher Intelligenz. Via vier Elektromotoren in Bewegung gesetzt, mit einer für einen Gran Turismo würdigen Reichweite von 700 Kilometern. Bei aller Digitalisierung und Automatisierung soll man sich’s dennoch nach wie vor aussuchen können, ob man sich fahren lässt oder selbst und aktiv das Volant in die Hände nimmt.

Ein paar Eckdaten dessen, was im aus Aluminium und Carbon komponierten, muskulös und schnörkellos langgestreckt modellierten EXP 100 GT, Bentleys Vorboten und Richtungsweiser künftiger luxuriöser Mobiltät steckt: Licht als zentrales Design-Element, vom kristallenen Kühlergrill bis zur Interieur-Ambientebeleuchtung, Handwerkskunst, in diesem Sinn des Wortes, neue Materialien, wie zum Beispiel „organisches“ Leder, Gewebe aus Apfel- und Weintraubenschalen, antikes wiederverwertetes Holz mit Kupfer kombiniert, nachhaltig produzierte (englische) Schafwolle und auch Baumwolle, (Kristall-)Glas, echte Metalle, biometrisch geformte und mehrfach – je nach Befinden und Laune – individuell justierbare Sitze, ein virtueller Assistent, der sich auf persönliche Bedürfnisse einstellt und noch vieles mehr.

Das geht einher mit einem Leistungsniveau, das man von Verbrenner-Bentleys gewohnt ist, und darüber hinaus, auch wenn dann wohl das Kapitel Sound neu geschrieben werden muss. Eine definitive PS-Angabe gibt es für den Batterie-elektrischen 4×4-Antriebsstrang, generiert aus vier E-Aggregaten, noch nicht, immerhin aber wird ein Maximal-Drehmoment von 1.500 Newtonmetern verraten. Den 0-auf-100-Sprint kann der EXP 100 GT damit in weniger als 2,5 Sekunden absolvieren, bei rund 1.900 Kilo Gewicht. Top-Speed: 300 km/h. Ladezeit: 15 Minuten auf 80 Prozent sollen möglich sein. Um die Lade-Modalitäten kann sich der bereits angesprochene persönliche Assistent kümmern.

Wie erwähnt: Der EXP 100 GT ist ein technischer und optischer Richtungsweiser, mit dessen Detail-Elementen Bentley die nächsten hundert Jahre angehen will. Eine Vision, in deren Exterieur unter der Leitung von Chef-Designer Stefan Sielaff das Erbe und die mögliche Zukunft gepackt wurde.

JP

Für das Exterieurdesign ist John Paul Gregory, kurz J.P., verantwortlich, er hat auch den Continental GT und den neuen Flying Spur interpretiert. Auch wenn kaum zu erwarten ist, dass das Concept jemals 1:1 in Serie auf die Straßen kommen wird: Es steckt darin die Philosophie des luxuriösen und individuellen Gran Turismo im Verein mit umfassender Nachhaltigkeit. Das in weiter gespanntem Sinn als nur in Bezug auf lokal emissionsfreie Antriebe: Erhalten werden soll die Kunst des Automobilbaus, die Kunst des Handwerks. Und die Kunst des Fahrens.