Rolls-Royce Phantom

Die Leichtigkeit des Luxus

Kaum eine Marke konnte sich im Laufe ihrer Geschichte so eng mit dem Begriff „Luxus“ verbinden wie Rolls-Royce. Und besonders das Flaggschiff der Briten, der unvergleichliche Phantom, hebt sich von allen anderen Automobilen ab in dieser Hinsicht. Seit 1925 schwebt er über die Straßen dieser Welt, was ihn zum ältesten noch hergestellten Modell überhaupt macht. Ich durfte zwei Tage im Rolls-Royce Phantom verbringen und habe dabei die Leichtigkeit des Seins entdeckt.

Text: Jakob Stantejsky

Ihr, die ihr hier eintretet, lasset euch fahren. So oder ähnlich könnte der Wahlspruch des Phantom lauten, denn in dieses Auto steigt man nicht ein, das klingt viel zu durchschnittlich. Nein, man betritt den Rolls eher, so wie man sein Wohnzimmer oder eine noble Galerie betritt. Denn der Phantom ist irgendwie beides: Einerseits fühlt man sich auf jedem der vier Sitze sofort heimelig und unsagbar wohl. Andererseits strahlt er gleichzeitig so eine erhabene Würde aus, die einen fast ehrfürchtig werden lässt. Außerdem wird die achte Generation des Phantom auch buchstäblich zur Galerie, da das Armaturenbrett zur Spielwiese für Künstler aus aller Welt mutiert ist. So kann man sich alles rechts von den Instrumenten völlig frei nach Wunsch gestalten (lassen) und somit seinen eigenen Rolls-Royce zu einem wahren Unikat machen. Hier unten seht ihr ein paar Vorschläge, die die Engländer bisher als Gedankenanstoß präsentiert haben. Porzellan, Stoff, Holz, Farbe, Metall, Edelsteine – der Fantasie des geneigten Phantom-Käufers sind wirklich keinerlei Grenzen gesetzt.

Auch wenn die sogenannte „gallery“ natürlich keinen praktischen Wert bietet, wirkt sie wie ein vollkommen schlüssiges Extra, das sich perfekt in das „beste Auto der Welt“ einfügt. Denn niemand braucht einen Rolls-Royce. Doch diejenigen, die ihn sich leisten können und wollen, bekommen eine Komfortmaschine geliefert, bei der jedes kleinste Teilchen die höchstmögliche Qualität zu bieten hat. Und wenn es um Bequemlichkeit und Status geht, dann passt so ein Stück künstlerische Extravaganz geradezu perfekt in das Ensemble aus feinsten Materialien und Technologien. Denn selbstverständlich lebt es sich im Phantom nicht nur aufgrund des Überflusses von Platz und Leder so herrlich entspannend. Von oben bis unten, vorn bis hinten und innen bis außen strotzt der Brite regelrecht vor Fortschritt. Drei Infotainment-Bildschirme, die jederzeit lässig aus dem Handgelenk bedient werden können, vertreiben alle Anflüge von Langeweile, sofern man sich tatsächlich der couchähnlichen Massagesessel – auch der Fahrer bekommt die volle Portion Komfort ab – erwehren konnte und nicht nach fünf Minuten schon ins Träumeland übergewechselt ist. Über den gesamten Dachhimmel zieht sich der Rolls-Royce Sternenhimmel, der dank mehr als tausend winziger Lämpchen eine fast schon einlullende Wirkung hat, gleichzeitig aber auch einfach wunderschön anzusehen ist.

In diesem Auto kann man sich also regelrecht verlieren, doch wie schaut es auf dem Fahrersitz aus? Schließlich hat man hier andere Dinge zu tun, als im Luxus zu schwelgen. Bei einer Länge von 5762 Millimetern, beziehungsweise 5982 für die Extended Wheelbase-Variante, kann man doch außerdem nicht gerade von einem leichtfüßigen Gefährt ausgehen, das klingt eher nach Arbeit, oder? An und für sich berechtigte Bedenken, doch wie in so vielen Hinsichten, überrascht der Phantom auch in Punkto Fahrgefühl mit mehr, als man für möglich gehalten hätte, bevor man hinter dem Lenkrad Platz genommen hat, das rein durchmessertechnisch in so manchem Kleinwagen als aufpreispflichtige Felge durchginge. Denn die 571 Pferdestärken aus den zwölf Zylindern, die von zwei Turbos unterstützt werden, schießen den Rolls in 5,3 Sekunden auf 100 Stundenkilometer. Bei einem Gewicht von knapp über zweieinhalb Tonnen mutet diese Zeit doch sehr beachtlich an. Die 900 Newtonmeter Drehmoment stehen übrigens schon ab lächerlichen 1.700 Umdrehungen parat, der Phantom versprüht also vom Stand weg höchste Agilität. Gut, geradeaus ist man dementsprechend also recht abrupt und frech unterwegs, doch wie schlägt sich das Schlachtschiff in kurviger Umgebung?

Dieser Frage habe ich mich auf dem legendären Furkapass gewidmet, auf dem schon James Bond Goldfinger verfolgte. Ehrlich gesagt komme ich immer noch nicht aus dem Staunen heraus, wie spritzig und wendig der Phantom sich durch die Serpentinen winden kann, wenn man ihn dazu treibt. Monströse Außenmaße, panzerähnliches Gewicht – all das ist vergessen, sobald man die erste Haarnadel schwungvoll angeht und spürt: Da geht noch was! Denn abgesehen davon, dass es sich in diesem Engänder unvergleichlich entspannt und souverän gleiten und dahinschnellen lässt, lädt der nobelste aller Rolls-Royce auch mit Vergnügen zu vergnüglicher Kurvenhatz ein. Die vermeintliche Sänfte ist tatsächlich auch ein Auto, dass man gerne fährt. Nicht nur, weil man zahlreiche Blicke erntet, wo immer man unterwegs ist – nicht nur, weil die schiere Kraft und Größe den Fahrer in eine ganz eigene Welt der Fortbewegung befördern – sondern auch, weil der Phantom schlicht und einfach Spaß macht und richtig geil – man verzeihe mir den primitiven Ausdruck im Angesicht ihrer automobilen Hoheit – zu fahren ist.

Gibt es jetzt eigentlich was, das der Rolls-Royce Phantom nicht kann? Jein. Natürlich gibt es schnellere, flinkere, praktischere und brutalere Autos. Doch die absolute Stille, die einen im Phantom umfängt und erst wieder beim Öffnen der Türe freigibt, sorgt für totale Tiefenentspannung bei allen Insassen. Selbst der hochgezüchtete V12 ist hier nur zu hören, wenn man denn sehr enthusiastisch mit dem Gaspedal umgeht. Diese Ruhe spendet mehr Kraft, als man vermuten könnte. Wenn man den ungeheuren Komfort des Briten in Relation zu seinen sportlichen Leistungen stellt, dann fühlt man sich fast dazu gezwungen, den Rolls-Royce Phantom ebenfalls als das beste Auto der Welt zu bezeichnen; wie es schon andere getan haben. Ich persönlich fühle mich in der Welt des ausufernden Luxus nicht sonderlich heimisch, doch nach der Zeit im Phantom kann sogar ich nachvollziehen, warum er eine solch begehrte Ikone der Automobilwelt ist. Klar, keiner braucht ihn und ich sehne mich in dem Sinne jetzt auch nicht nach meinem eigenen Exemplar. Aber ich verstehe: Wenn es einem die paar hunderttausend Euro wert ist, bekommt man eine wahrhaftig einzigartige Maschine, die in allen Belangen aus dem Vollen und Besten schöpft. Und plötzlich wirkt all der Prunk nicht mehr übertrieben oder gar unsinnig, sondern man entdeckt die Leichtigkeit des Luxus.