Flaggschiff, entschaukelt

Der Ford Edge sticht mit Kampfpreisen, üppiger Ausstattung und zum Start zwei Turbodieseln ins Segment der Luxus-SUV.

Danijel Dzihic ist ein ungewöhnlicher Typ Automanager. Der ehemalige Bosnien-Flüchtling, heute 37 Jahre alt, ist seit zwei Jahren Chef des österreichischen Ford-Importeurs. Und macht sich seither mit Verve daran, die zwischen Detroit und Köln ausbaldowerte Aufwertung der Marke mit der Zwetschke hierzulande auch umzusetzen. Nicht einfach. Gilt Ford doch seit Old Henrys Zeiten als Synonym für Massenproduktion.

Gegen den Phantom-Schmerz

„Uns hat etwas gefehlt“, analysiert der dynamische Herr Dzihic bei der Österreich-Präsentation in der idyllischen Südsteiermark. Wie alle bei Ford, zeichnet sich der Österreich-Chef durch Realismus aus. Ford leidet ja noch immer unter Phantom-Schmerzen. 2008 war Krise. Lebensbedrohend. Und so resektierte der US-Konzern die Premium-Allrad-Marke Land Rover aus dem Konzern. Und das mitten im durchstartenden SUV-Boom.

No more Landies. Live with it. In den USA gäbe es genug geländegängige Ford-Fahrzeuge im Stall. Doch das waren entweder landwirtschaftliche Protzfahrzeuge wie der Riesen-Pickup F150, der mit Slogans wie „The biggest bolts in the industry“ beworben wird oder eben massenhaft produzierte Mid-Sized-Allradler, im Einsatz als übermotorisierte Dienstwagen für Baseball-Mums.

Mit dem Edge bringt Ford nun also einen dieser Mid-Sizer in Europa auf den Markt. Was drüben Mittelklasse ist, ist bei uns Ende des Maßbandes. Der SUV wird in Ontario, Kanada, gefertigt, jedoch auf europäische Bedürfnisse hingetrimmt, vor allem am Fahrwerk. „Der, den wir bei uns verkaufen, den haben unsere Leute komplett überarbeitet“, beeilt sich der smarte Herr Dzihic auch zu versichern.

Mitten rein ins Getümmel

Damit wächst das SUV-Angebot der Marke auf drei Modellreihen an. Mit dem mittelgroßen Kuga, dessen Facelift zu Jahresende ansteht, ist Ford gut gefahren, weiters versucht man noch mit dem kompakten EcoSport mitzumischen. Wer sich in Richtung Premium profilieren will, braucht heute einen Knapp-fünf-Meter-SUV. All die Ärztinnen, Architektinnen, Bauleiterinnen und Fußball-Väter verlange es nach derartigen Dienstfahrzeugen, heißt es. Man will zu den Top-5 im Segment aufschließen. Dominiert wird es derzeit von Audi Q5, BMW X3 und Volvo XC60, alle drei Fahrzeuge, deren Modellwechsel auch demnächst ansteht. Ford tritt also in eine Vorlage, die genau beobachtet wird.

Ford selbst sieht vor allem den ehemaligen Konzernbruder Volvo XC60 als Hauptkonkurrenten. Da der 4,80 lange Edge auf einer weltweit massenhaft eingesetzten Ford-Plattform aufgebaut wird, kann man mit Kampfpreisen in den Markt gehen. Der smarte Herr Dzihic nennt die Strategie „Premium-Fahrzeug zum Non-Premium-Price“. Mit einer 2,0-Liter-Turbodieselmotorisierung mit 180 PS kostet die auch schon recht üppig ausgestattete Basisvariante 45.400 Euro. Zum Vergleich: Für den Hyundai Santa Fé, um 10 cm kürzer und um 30 PS schwächer, werden laut Preisliste 41.190 Euro verlangt.

Nicht bei jedem zu haben

Verkauft wird der Allradler vorerst nur bei den sogenannten Ford-Stores, die derzeitigen „Vollsortimenter“ im Händlernetz, mit der man die neue Strategie von etwas mehr Exklusivität unterstreichen will. Nur dort gibt’s den Edge, den Mustang und die noblen Vignale-Ausführungen. Letztere ist auch für den Edge im kommenden Jahr geplant. (In Klammer: Bestellen kann man natürlich bei jedem Ford-Händler).

Vorerst starten zwei Motorenvarianten (Hybride werden wohl irgendwann auch folgen), zum oben genannten kommt ein 210-PS-Turbodiesel. In drei Ausstattungsvarianten kann man laut Liste bis zu 57.500 Euro ausgeben, dann fehlt eigentlich nur mehr die Lederwäsche auf Sitzen, Türen und Armaturen (damit knackt man dann die 60.000er-Marke). Als Technikfeatures preist Ford etwa die adaptive Lenkung, eine elektronische Geräuschminimierung im Innenraum sowie Kameras an jeder Ecke des Fahrzeugs an (etwa zum Erkennen des Seitenverkehrs oder für die Einparkhilfen).

Souverän, unaufgeregt, straff

Der umgängliche Herr Dzihic lud aber nicht nur zur Marktpräsentation, er ließ uns auch ein paar Meter durch die grüne Gegend kreuzen, mit seinem neuen Flaggschiff. Das in den amerikanischen Märkten angeblich unumgängliche Schiffartige haben sie ihm tatsächlich abgewöhnt. Der seit 2008 in den USA (nur als Beziner) verkaufte Wagen ist in seiner dieselnden Euroversion nachweislich nachhaltig entschaukelt.

Im von Hopfen und Wein umrankten Kurvengewirr zwischen Gamlitz und Glanz, zwischen Leutschach, Landegg und und der slowenischem Grenze, erwies sich der Edge als passend abgestimmter sanfter Riese, der einen in dezentem Luxus entspannt und unaufgeregt zum Ziel bringt. Autobahn, Landstraße, Nebenstraße zum Weingut, ein paar Meter Schotter – steckt er alles easy weg.

Souverän, fällt als passendes Attribut ein. Und: Das ist definitiv kein Angeberauto, weder im Aussehen noch im Anspruch. „Es fühlt sich nicht viel anders an wie in einem Galaxy“, sagt einer der Kollegen. Das als Kompliment.

von Leo Szemeliker