Messerundgang

Detroit Motor Show 2018

Flimmernde Bildschirme, scharfe Sensoren, surrende Elektromotoren und schnelle Rechner – es ist noch keine zwei Wochen her, da hat sich in der Autowelt niemand für Leistung und Drehmoment interessiert. Denn da war CES in Las Vegas und die Blechbieger aus der alten Welt haben sich mit visionären Studien, autonomen Prototypen und serienreifen Elektrofahrzeugen fit gemacht für die Zukunft. Doch mittlerweile haben sie die Zeitmaschine wieder abgestellt und sind im hier und heute angekommen. Das ist in diesem Fall die Motor Show in Detroit und wie in weiten Teilen des größten Automobilmarkts der Welt will dort von Bits und Bytes niemand etwas wissen. Statt dessen geht es in der Cobo Hall einmal mehr um Hubraum, Blech und Stahl – und davon bitte möglichst reichlich.

Von Thomas Geiger

Diesem Wunsch kommt die PS-Branche diesmal gründlicher nach als in den letzten Jahren. Nicht umsonst sonnen sich mit dem Chevrolet Silverado und dem Ram 1500 zwei der drei meistverkauften Pick-Ups auf dem US-Markt im Premieren-Licht. Weil der F-150 als Bestseller noch recht frisch ist, schiebt Ford als kleinen Bruder für den Golf der Amerikaner den neuen Ranger nach. Und selbst die deutschen Hersteller haben noch etwas aufpoliertes Altmetall. Denn nachdem der US-Markt der G-Klasse in den letzten zehn Jahren das Überleben gesichert hat, revanchiert sich Mercedes mit einer Weltpremiere der besonderen Art: 39 Jahre nahezu unverändert gebaut, gibt ausgerechnet hier in Detroit noch einmal ein neuer Vierkant aus Graz seinen Einstand und beweist, dass manche Legenden unvergänglich sind und über der Zeit stehen.

Zwar wirken diese wichtigen Neuheiten alle ein bisschen als wären sie von Gestern. Doch natürlich haben sich auch die G-Klasse und die großen Pick-Ups der Evolution gebeugt und sich aufgemacht in die Zukunft. Der Vierkant aus Graz fährt deshalb vorne jetzt mit Einzelradaufhängung und hat drinnen ein Hightech-Cockpit wie die S-Klasse, der der Ranger bekommt eine vergleichsweise innovative Zehngang-Automatik. Und während die Deutschen in Amerika dem Diesel aus gutem Grund abgeschworen haben, propagieren plötzlich die Big Three selbst den Selbstzünder und lassen ihre Pick-Ups nageln. Nicht umsonst stehen der F-150 und der neue Silverado zum ersten Mal als Öltanker auf der Messe.

Neben den Pick-Ups dreht sich in Detroit vieles um klassisch geschnittene Limousinen, die in den USA einen viel größeren Marktanteil haben als etwa in Europa. Nicht umsonst hat VW eigens für die Amerikaner noch einmal einen neuen Jetta entwickelt und dabei zum ersten Mal in den Modularen Querbaukasten gegriffen. So wird aus dem spießigen Bruder des Golfs plötzlich eine schmucke Passat-Petitesse, die diesmal allerdings nicht nach Europa kommt. Das gilt auch für den Toyota Avalon als vornehme Ausgabe des Bestsellers Camry sowie für den Forte, mit dem Kia sehr erfolgreich just gegen Jetta & Co antritt.

Rustikale Pick-Ups und Geländewagen zu Hauf und jede Menge langweiliger Limousinen – aber Autos mit ein bisschen mehr Fun und Finesse muss man in Detroit diesmal etwas länger suchen – und welche, die Spaß machen, erst recht. Doch so ganz ohne Lust, Leistung und Lifestyle geht es offenbar selbst in Motown nicht. Deshalb zeigt Mercedes-AMG hier seine neuen 53er-Modelle für CLS und die Zweitürer der E-Klasse mit einem modernisierten V6-Benziner von 435 PS, Audi stellt zum ersten mal den A7 vor großes Publikum und BMW zieht das Tuch vom aufgefrischten Mini und noch einmal ganz offiziell vom X2. Dazu gibt es von Ford – allerdings nur für den US-Markt – einen auf 335 PS aufgerüsteten Edge ST und einen Mustang mit 475 V8-PS im Look des legendären Bullit. Und auch die Asiaten gönnen sich mit Autos wie dem Hyundai Veloster zumindest ein klein bisschen Spaß.

Sie sind es auch, die den Blick ein wenig weiter schweifen lassen und doch ein paar Studien mit nach Detroit gebracht habe. Allerdings sind auch die näher an der Wirklichkeit als die Visionen aus Las Vegas. Denn die Hybrid-Limousine Honda Insight trägt das „Concept“ nur noch als Alibi für die späte Markteinführung, aus dem Lexus LF1 Limitless wird schon bald der neue RX, der Infiniti Q Inspiration gibt einen relativ konkreten Ausblick auf den Nachfolger des aktuellen Q50, der Nissan Xmotion hat das Zeug zum Nachfolger des in Amerika sehr erfolgreichen X-Terra und aus dem Toyota FT-4X könnte schon bald ein kleiner Lifestyle-Allradler werden, der dem Jeep Wrangler ans Leder will – und damit doch wieder in der Vergangenheit fährt.