Tesla-Killer aus Schweden?

Der Polestar 1 ist enthüllt

Geht es nach Männern wie Thomas Ingenlath, kann sich Elon Musk bald warm anziehen. Denn als neuer Chef von Polestar will der Volvo-Designer den einstigen Werkstuner im Zeichen des Polarsterns zur elektrischen Performance-Marke ausbauen und sich neben Mercedes EQ oder Audi e-Tron in die Front der Tesla-Fighter einreihen.

Von Thomas Geiger

„Polestar wird ein echter Wettbewerber im wachsenden globalen Markt für elektrifizierte Hochleistungsfahrzeuge. So werden wir in der Lage sein, den anspruchsvollsten und fortschrittlichsten Fahrern der Welt in allen Marktsegmenten Elektroautos anzubieten,“ hatte Volvo-Chef Hakan Samuelsson im Sommer angekündigt und jetzt lässt Ingenlath die ersten Taten folgen. Denn daheim bei Volvo-Eigentümer Geely in Shanghai hat er nun das Tuch von jenem Auto gezogen, dass die frostige Offensive aus dem hohen Norden anführen soll: Dem Polestar 1.

Gebaut in einem neuen Werk in Chengdu, erinnert der für Mitte 2019 angekündigte Gran Tourer stark an eine Coupé-Studie von 2013, die damals die neuen 90er-Modelle vorweggenommen hat. Allerdings ist der 2+2-Sitzer mit seinem 600 PS und 1.000 Nm starken Antrieb deutlich handlicher als das Flaggschiff der Schweden. Nicht umsonst hat Ingenlath den Radstand um 32 und die Länge um über 50 Zentimeter gekürzt und sich so auf insgesamt 4,50 Meter beschränkt.

Zwar bedient sich Polestar aus dem Teilelager von Volvo, nutzt zum Beispiel die SPA-Plattform und erhofft sich so einen leichteren und vor allem schnelleren Einstieg in die Welt des Automobilbaus. Doch legt Ingenlath Wert auf die Eigenständigkeit der Marke. Während Volvo die Elektrifizierung in den bestehenden Segmenten vorantreiben will, soll Polestar deshalb Neuland erkunden und neue Wege gehen. Das gilt für die Technik wie die erste Karbon-Karosserie der Schweden oder die vorausschauend adaptiven Dämpfer aus dem Hause Öhlins und vor allem für das Design, das sich im Gegensatz zu der eher altruistischen, warmen und friedlichen Volvo-Linie etwas mehr Aggression, Egoismus und Kälte erlaubt. Nicht umsonst findet man nirgends am Auto das Volvo-Logo und sieht stattdessen über dem Kühler und auf dem Lenkrad den Polarstern.

Wie so oft in letzter Zeit nehmen die Schweden den Mund dabei allerdings ein wenig voll. Denn erstens ist der Polestar 1 kein Massenmobil, sondern wird höchstens 500 Mal im Jahr gebaut und bewegt sich damit eher auf dem Niveau des Tesla Roadsters von 2007 statt in der Liga von Modell S der Modell X aus 2017. Und zweitens ist der Gran Tourer gar kein reines Elektroauto, sondern nur ein Plug-In-Hybrid, der zwei E-Maschinen an der Hinterachse mit einem ebenfalls von Volvo entlehnten Vierzylinder-Benziner vorn unter der Haube kombiniert. Zwar garantiert Ingenlath für den Lithium-Ionen-Akku eine elektrische Reichweite von 150 Kilometern und spricht vom Hybriden mit dem weltweit größten Aktionsradius. Doch wenn der Erstling 2019 an den Start geht, kommen Konkurrenten wie der Jaguar i-Pace oder der Audi e-tron auch ohne Sprit mindestens dreimal so weit. Da ist es auch nur ein schwacher Trost, wenn Ingenlath von einem vollgasfesten Konzept spricht, mit dem man die Performance eben nicht nur kurzfristig ausreizen, sondern anders als bei rein elektrischen Autos auch auf Dauer abrufen kann: „„Die meisten Elektroautos sind schnell – das ergibt sich aus den Eigenschaften eines Elektromotors. Doch für Polestar geht Performance über reine Geradeaus-Geschwindigkeit hinaus“, sagt der Designer und Firmenchef: Es gehe natürlich um Beschleunigung, aber eben auch um Kurvenverhalten, Verzögerung, Federungs- und Fahrwerkskontrolle sowie um das Lenkgefühl. „Das ist es, was Polestar unter progressiver Performance versteht.“

Lange muss Ingenlath solche verbalen Klimmzüge nicht mehr machen. Denn schon Ende 2019 kommt das zweite Modell und probt in jeder Hinsicht den Ernstfall: Als direkter Wettbewerber für das Tesla Model3 konzipiert, ist es auf größere Stückzahlen ausgelegt und fährt dann voll elektrisch. Genau wie der Polestar 3, der als ebenso großes wie sportliches SUV das frostige Trio aus dem hohen Norden bis spätestens 2021 komplett machen soll.

Verglichen mit Volvo mögen sie Polestar-Modelle progressiv sein. Doch nur mit einem frischen Design und einem elektrischen Antrieb alleine taugt die Marke nicht zum Revoluzzer, der die etablierte Autowelt aus den Angeln hebt. Deshalb will Ingenlath auch beim Vertrieb ein Stück weitergehen und die von Volvo und der chinesischen Schwester Lynk & Co angedachten Innovationen auch im Handel gar vollends umsetzen. Statt konventioneller Händler plant er einige wenige Polestar Spaces mit Beratern, Schauraum und Teststrecke, will den Vertrieb aber weitgehend ins Internet verlagern. Statt eines Zündschlüssels gibt es nur noch einen Code aufs Smartphone und wo man herkömmliche Autos noch kaufen muss, gibt es den Polestar wie ein Handy mit Flatrate im Abo. „Wir wollen, dass man sich auf en Spaß am Fahren konzentrieren kann und Nutzererlebnis deshalb so komfortabel und stressfrei wie möglich gestalten“, sagt Ingenlaths Vorstandskollege Jonathan Goodman: „Unsere Dienstleistungen, die die Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen der Performance-Kunden im Premium-Segment abdecken, sind das Herzstück von Polestar. Sie beseitigen die Unannehmlichkeiten, die mit dem Besitz eines Fahrzeugs verbunden sind.“

So hochtrabend die Pläne für Polestar sind, behält Ingenlath bei den Zahlen jedoch die Bodenhaftung. Während Volvo von Absatzrekord zu Absatzrekord fährt, im letzten Jahr die halbe Million geknackt hat und mittelfristig 800.000 Einheiten anvisiert, sieht er seine Marke als „Explorer“. „Wir sind das Testfeld für neue Trends und Technologien“, sagt Ingenlath und ist fürs erste mit fünfstelligen Produktionszahlen zufrieden.