BMW 1er

Gleich, aber nicht gewöhnlich

Es ist ein schwieriger Spagat: Wenn BMW Ende September zu Preisen ab 29.450 Euro den neuen 1er an den Start bringt, opfern die Bayern den konkurrenzlosen Heckantrieb auf dem Altar der Plattformstrategie.

Von Thomas Geiger

Dafür machen die Münchner den Kunden die Nähe zum Mini sowie den 2er Tourern mit ein bisschen mehr Platz für die Knie der Hinterbänkler und die Koffer der gesamten Reisegruppe schmackhaft. Die Pole Position in Sachen Fahrspaß in der Kompaktklasse geben sie aber noch lange nicht auf: Auch wenn der 1er jetzt dem gleichen Muster gestrickt ist wie Golf und Co. sowie seine direkten Konkurrenten Audi A3 und Mercedes A-Klasse, ist er noch lange nicht gewöhnlich und hält weiter die Flamme der Freude am Fahren in die Höhe.

Dafür haben schon die Designer so viel Kraft ins Blech gezeichnet, dass der 1er vor allem mit der riesigen Niere und den großen Lüftern in den Schürzen fast zu einer Karikatur seiner selbst wird. Die Produktplaner haben von Anfang an die M GmbH ins Boot geholt, die mit einem M135i für die Startaufstellung alle Zweifel an den dynamischen Qualitäten im Keim ersticken will. Und die Fahrwerker haben eine neue Elektronik eingesetzt, mit der sie das leidige Untersteuern und Lenkeinflüsse durch den Antrieb in den Griff bekommen wollen. Ausgerechnet vom eher spaßbefreiten i3 übernehmen sie die „aktornahe Radschlupfbegrenzung“, mit der die Regelzeiten dramatisch verkürzt werden sollen.

Das Ergebnis dieses elektronischen Umbaus ist ein Fahrverhalten, wie man es in dieser Klasse so tatsächlich nur von BMW kennt. Dass der M135i ein explosives Kraftpaket ist, verwundert dabei nicht. Schließlich hat der 2,0-Liter Turbo stolze 306 PS und mächtige 450 Nm. Und die Gretchenfrage nach dem Front- oder Heckantrieb beantworten die Bayern mit serienmäßigem xDrive.

Doch auch der 118d, der sich mit seinem 150 PS-Diesel wohl vorerst zum meistverkauften Modell mausern dürfte, fühlt sich engagierter und entschlossener an als die Konkurrenz: Wie von selbst sitzt man etwas aufrechter hinter dem Lenkrad, packt fester zu und gibt ein bisschen mehr Gas. Klar ist auch in einem 1er der Weg das Ziel und zumindest diesseits des M135i fährt niemand einen Kompakten einfach nur um des Fahrens willen, selbst wenn er eine Niere am Bug trägt. Doch lässt der 1er das Herz dabei trotzdem ein bisschen höher Schlagen und das Blut ein wenig schneller durch die Adern rauschen als Konkurrenten mit vergleichbarer Leistung.

Dafür allerdings ist er in vielen anderen Kategorien allenfalls gehobener Durchschnitt: Ja, obwohl er mit 4,32 Metern ziemlich genau gleich lang ist wie sein Vorgänger und der Radstand sogar um zwei Zentimeter auf 2,67 Meter schrumpft, bietet er im Fond tatsächlich ein bisschen mehr Platz. Und es ist unbestritten, dass der Kofferraum um 20 auf 380 Liter wächst. Aber selbst wenn es Erwachsene jetzt ein wenig länger aushalten im Fond, ist der 1er noch lange kein Familienauto. Muss er aber auch nicht. Denn wer einen praktischen Kompakten von BMW sucht, der sitzt längst im X1 oder – noch schlimmer – im Active Tourer.

Auch sonst lässt das Innenleben ein paar Zweifel. Denn auch mit der Übernahme des digitalen Cockpits und der großen Touchscreens sowie der Gesten- und Sprachsteuerung aus dem 3er stinkt der 1er bei der Generation Smartphone gegen die A-Klasse mit ihrem Widescreen-Cockpit und dem MBUX-System ab. Und selbst mit hinterleuchteten Zierleisten und sichtlich mehr Liebe zum Detail kommt der kleinste Münchner nicht an die Finesse das A3 heran – und der steht erst kurz vor dem Generationswechsel.

Dafür bietet BMW schon zum Start immerhin eine üppige Auswahl für Ausstattung und Antrieb: Erstmals finden sich auf der Optionsliste des 1ers Extras wie ein vollwertiges Head-Up-Dispaly oder eine elektrische Heckklappe. Und wem der M135i zu unvernünftig ist, der kann neben dem 118d noch drei andere Motoren wählen: Als zweiten Benziner gibt es einen 1,5-Liter-Dreizylinder mit 140 PS im 118i und bei den Dieseln beginnt der Spaß mit einem ebenfalls als Dreizylinder konstruierten 116d mit 116 PS und endet beim 125d, der aus zwei Litern Hubraum 190 PS schöpft und serienmäßig mit xDrive kommt.

Die Motoren sind zwar nicht ganz so flott unterwegs, kommen dafür aber auf Verbrauchswerte von bestenfalls 3,8 Liter herunter. Aber so vorbildlich das ist, ist es noch immer zu viel. Denn Audi hat in dieser Klasse schon einen Plug-In-Hybriden und Mercedes bereitet dessen Start gerade vor. BMW dagegen denkt nicht einmal über Mild-Hybrid-Systeme nach, weil die Bayern das in dieser Klasse für zu teuer halten. Ganz so weit gehen sie also mit der Gleichmacherei in München doch nicht. Leider.