Citroen Berlingo: Fluch und Segen

Mit Design und Komfortausstattungen will der Citroen Berlingo sein Nutzfahrzeug-Image ablegen und zum vollwertigen PKW aufsteigen. Hat er das Zeug zum feuchten Traum des nüchternen Pragmatikers?

Text: Maximilian Barcelli

Kühlschrank und Waschmaschine, abzuholen in Bratislava. Und freilich müssen die dann am nächsten Wochenende in die neue Wohnung transportiert werden. Zusammen mit einigen Möbeln und unzähligen Säcken voller Kleidung. Man könnte meinen hier den Inhalt von vier oder fünf H&M-Filialen herumzukutschieren. Der Citroen Berlingo ist ein Fluch.

Der wichtigste Rat also vorab: Wenn Sie sich einen zulegen und Ihre Freude an sonntäglichen Umzügen begrenzt ist: Erzählen Sie’s niemanden. Im eben dargestellten Fall – also den mit den Kleidersäcken, die problemlos ein Fußballstadion Größe Camp Nou füllen könnten – war der Berlingo jedoch Segen. Wenn nämlich die eigene Freundin umzieht und um Hilfe bittet, nicht verlangt, sondern bittet, dann sagen nur Masochisten sowas wie: „Ich wollt‘ das Wochenende eigentlich mit den Jungs einen draufmachen.“ Anfängerfehler, ich weiß.

Der aufrichtige Hass in ihren Augen verschwand am nächsten Tag, als ich dann mit dem Citroen Berlingo vor der Tür stand. „Nur für dich, Baby.“ Dass der französische Hochdachkombi schon seit Wochen unabhängig von jeglicher Umzugsaction im Testautokalender notiert war, muss ja nicht unbedingt erwähnt werden. Ich hoffe sie liest diesen Text nicht.

Als Siebensitzer konfiguriert, bietet der Berlingo 65 Liter Kofferraumvolumen – und das in der kleineren M-Version (4,4 Meter lang, XL mit 4,75 Meter gibt’s auch). Das klingt bescheiden, ist es aber nicht, weil sich auch sonst im Innenraum sehr viel Platz für Gepäck finden lässt, etwa zwischen den beiden hinteren Sitze. Außerdem sind diese schneller rausmontiert, als ein Lamborghini Huracán auf Tempo 200 geht – und der macht das in unter zehn Sekunden! Dann wartet unser Berlingo mit einem stattlichen Kofferraumvolumen von 775 Litern auf.

Das Volumen allein ist jedoch nur Teil des Gesamtkunstwerks, das sich Praktikabilität des Berlingo nennt. Ausschlaggebend ist auch das hohe Dach und der damit einhergehende monströse Kofferraumzugang, der in der Höhe rund 115 Zentimeter misst. Da können auch die fettesten SUVs nicht mithalten. Ohne dritter Sitzreihe passen Kühlschrank und Waschmaschine wie maßgeschneidert rein. Was ein echter Segen ist, weil das graue Bratislava im Winter nicht gerade euphorisiert. Einmal am Tag reicht.

Passt wie angegossen. Gott sei Dank. Einmal am Tag die Ödnis der A4 genießen reicht.

Weiters lassen sich alle drei Sitze der zweiten Reihe einzeln umklappen (außer in der Basisausstattung), der Boden ist dann nahezu eben und das Kofferraumvolumen wächst auf üppige 3.000 Liter an. Und so findet nebst Kühlschrank und Waschmaschine auch die bereits erwähnte Unzahl an Kleidersäcken Platz. Und die T-Shirts und Pullis, Hosen und Schuhe (für jeden Tag im Jahr rund ein Paar versteht sich), die sich nicht mehr in den Säcken ausgehen und lose verladen werden müssen, können in eines der fast 30 Staufächer im Innenraum untergebracht werden. Allein das Volumen dieser konkurriert mit Kofferräumen von Kleinstwagen – es sind über 180 Liter! Genügend Raum gibt’s nicht nur für Hab und Gut, sondern auch für die Passagiere selbst: Das Platzangebot ist phänomenal. Das fahrerische Erlebnis freilich weniger.

Tolles Platzangebot. Das Design der Stoffsitze wertet den Innenraum auf.

Der Berlingo fährt nun mal wie der Kastenwagen, der er ja auch ist. Die Lenkung ist indirekt und gibt wenig Feedback, die Wandlerautomatik sortiert die acht Gänge so gechillt wie eine Kunststudentin am 20. April, dafür aber auch so geschmeidig. Doch obwohl der französische Hochdachkombi bauartbedingt ein wenig wankt und freilich kein Quell der Querdynamik ist, so vermittelt er doch ein sehr sicheres Gefühl in der Kurve. Vom Motor sind wir recht begeistert: Der selbstzündende 1,5-Liter-Murl stemmt die über 1,80 Meter hohe Karosserie mit seinen 130 PS tapfer gegen Luftwiderstände und ist trotzdem recht genügsam. Verbräuche mit einem fünf vor dem Komma sind machbar.

Überzeugend: Der Motor samt gemütlichem Getriebe.

Außerdem ist der Citroen Berlingo zwar grundsätzlich übersichtlich, wirkt aber größer als er ist. Daran hat nicht zuletzt auch die sehr aufrechte und hohe Sitzposition Anteil, die bei längeren Fahrten etwas nerven kann. Ein kleiner Kritikpunkt, der auf sein eigentliches Wesen als Nutzfahrzeug hinweist.

Das hat Citroen aber recht solide kaschiert. Punkto Design hat der Berlingo dank der Front im Markendesign mehr was von Family-Van als Kleintransporter. Im Innenraum gibt’s zwar viel Hartplastik, dafür ist etwa der Bereich vor dem Beifahrer optisch mit einem Streifen(?) aufgewertet. Ein nicht zu unterschätzendes Detail, das für mehr Wohlfühlatmosphäre sorgt. Und die Stoff-Sitze bieten zwar keinen Seitenhalt, sind dafür hübsch und vor allem echt bequem! Was den Berlingo letztendlich vom Nutzfahrzeug zum PKW trimmt, ist die Vielzahl an Assistenzsystemen und das vollwertige Infotainment. So ganz verheimlichen kann Citroen die Herkunft aus der Kleintransporter-Branche dann doch nicht. 

Der Berlingo wirkt ein bisserl wie der ehrliche Hackler aus Simmering mit der wohlhabenden Freundin, Wohnort 1070, wenn er von der Schwiegerfamilie, Wohnort 1010, zum 7-Gänge-Brunch im Ritz-Carlton eingeladen wird und sich dafür in seinen besten und einzigen Anzug geworfen hat. Das ist nun mal der Kompromiss, den es beim kompromisslos praktischen Citroen Berlingo einzugehen gilt. Doch daran werden sich Pragmatiker nicht stoßen. Außerdem ist der Preis fair (ab 21.500 Euro, für den getesteten und sehr zu empfehlenden Antriebsstrang 28.400 Euro fällig). Und habe ich eigentlich schon erwähnt, wie verdammt praktisch diese Kiste ist?

Noch mehr Citroen?

Der neue Ami könnte die Mobilitätslösung von morgen sein.
Hier der erste Eindruck.

Und wer Lifestyle Praktikabilität vorzieht, für den steht der C5 Aircross parat.
Hier geht’s zum Test.