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VW Golf GTE: Smoother Operator

Muss an dieser Stelle wirklich noch viel zum VW Golf erzählt werden? Wahrscheinlich nicht. Jeder kennt ihn, manche lieben ihn, manche finden ihn fad und ganz, ganz Viele fahren ihn. Die aktuelle achte Generation muss sich mit einem neuen Herausforderer herumschlagen, der aus dem eigenen Stall kommt.

Der hört auf den Namen ID.3 und wird allerorts als Golf der Zukunft tituliert. Doch der eigentliche Golf hat keine Lust, seinen Platz an der Sonne aufzugeben. Deshalb schwimmt er mit dem Strom und zeigt als GTE, dass auch Elektromobilität für den Kompakt-Bestseller ein Kinderspiel ist. Wo der Golf immer schon ein unaufgeregter, verlässlicher Begleiter war und ist, tritt der Golf GTE noch eine Spur geschmeidiger auf. So wird er vom Smooth Operator zum Smoother Operator.

Denn auch wenn jeder Golf diesseits des GTI traditionell ein eher entspanntes Aggregat unter der Haube spazieren führt, ist man mit dem GTE trotz des „GT“ im Namen nochmal um den Deut relaxter unterwegs. Schließlich wird der 150 PS starke, nur 1,4 Liter große Vierzylinderbenziner tatkräftig von einem 110 PS kräftigen E-Motor unterstützt, der dank einer 13 kWh-Batterie für bis zu 62 Kilometer auch den Alleinunterhalter geben kann. Immer dasselbe Lied: Diese Zahl schafft in der Praxis niemand, wie bei jedem anderen Plug-in-Hybriden. Aber Zuhause-Arbeit-Erledigungen-Zuhause packt man innerstädtisch locker ohne nachladen und ohne Emissionen. Und dieses stille Dahingleiten gepaart mit dem guten Gewissen macht den Golf GTE eben noch entspannter zu fahren als seine verbrennenden Brüder, gerade in der Stadt.

Na, Moment einmal! Da steht doch „GTE“ drauf – steht das nicht irgendwie für Dynamik und Sportlichkeit? Jo, eh. Also ein bisserl zumindest. Denn auch wenn der GTE mit seinen 245 PS Systemleistung im Vergleich zum Golf eHybrid ein Plus von 41 Rossen verzeichnet und so mit dem GTI gleichzieht. Und auch wenn er das breite Grinsen der GTI-Front verpasst bekommt und die traditionellen, karierten Sitzbezüge (hier in Blaugrau gehalten) zur Schau stellen darf. Ein echter Spitzensportler ist er nicht, sorry. Ja, er ist verbindlich abgestimmt und ja, der Vortrieb – gerade aus dem Stand – ist nicht von schlechten Eltern. Doch als echten Rowdy kann man den Golf GTE wahrlich nicht bezeichnen. Zu gelassen und kühl ist er dafür unterwegs. Kraftvoll ist er definitiv, ein Kompaktsportler allerdings nicht.

Das gilt vor allem dann, wenn die Batterie erschöpft ist und der GTE plötzlich zum leicht brummeligen Kompaktwagen wird. Rein krafttechnisch hat der 150 PS-Benziner mit dem Gewicht keine Probleme. Aber das 1,5 Liter-Grummeln sticht eben umso unerfreulicher ins Auge, äh, ins Ohr, wenn man bis kurz zuvor noch lautlos dahingeglitten ist. Objektiv betrachtet läuft der Otto allerdings recht kultiviert und geriert sich nicht allzu enervierend. Besonders gut gefällt allerdings der Blick auf die Verbrauchsanzeige, selbst wenn der Akku sich erschöpft hat. Im Test stehen nach zwei Wochen, in denen beileibe nicht immer brav nachgeladen wurde, immer noch nur 5,6 Liter Super pro 100 Kilometer – und das hauptsächlich in der Stadt. Andere Hybride fangen, sobald die E-Hilfe nicht mehr da ist, sofort an zu saufen wie bescheuert, da der Verbrenner mit dem zusätzlichen Gewicht des Hybridantriebs zu kämpfen hat. Beim Golf GTE hat man offensichtlich ein gutes Gleichgewicht gefunden. So sind zwar die genormten knapp zwei Liter Verbrauch auch bei VW im Alltag nur Fantasie, aber ein schwerer Trinker schaut anders aus.

Und es stehen auch nur 5,5 kWh pro 100 Kilometer im Bordcomputer, wodurch man mit der Batterie des GTE theoretisch ja 100 Kilometer packen würde. Das nur als Referenzwert, dass die E-Mobility im Test nicht voll ausgeschöpft wurde. Egal wie man fährt, der achte Golf präsentiert sich auch als dynamisch angelegter Hybrid durchwegs digitalisiert und modern. Im Cockpit hat man sich bekanntermaßen von Tasten quasi ganz verabschiedet, die beiden Screens dominieren das Geschehen.

Summa summarum ist der Golf GTE möglicherweise die perfekte Variante für jeden, der nicht nur ein verlässliches, tadelloses Auto sucht, sondern darüber hinaus noch auf der E-Welle mitreiten und trotzdem gedieg unterwegs sein möchte. Vom Namen „GTE“ sollten sich Dynamiker nicht über die Maßen angezogen fühlen, Rationalisten aber auch nicht abgeschreckt. Unter den kraftvolleren Golfs ist der GTE definitiv die zeitgemäßeste Version, die sich eigentlich für fast jeden anbietet. Ein echter VW Golf eben.

Jakob Stantejsky

Freut sich immer, wenn ein Auto ein bisserl anders ist. Lieber zu viel Pfeffer als geschmacklos.

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