Jaguar I-Pace

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Warum ich es nicht verstehe, dass der Jaguar I-Pace Auto des Jahres 2019 geworden ist, wurde bereits ausführlich diskutiert (hier zu lesen). Trotzdem muss festgehalten werden: Die Elektroraubkatze ist schon ziemlich großartig.

Text: Maximilian Barcelli

Ein bisserl Mut tut den Engländern gut. So richtig aus dem langjährigen Winterschlaf kommen sie nämlich nicht raus, während Konzernschwester Land Rover aufblüht wie ein Maiglöckchen im … naja … im Mai eben. Die Verkaufszahlen wird so ein I-Pace freilich nicht in die Höhe schnalzen lassen, doch der Wagen ist ein fettes Lebenszeichen – und ein kleiner Seitenhieb gegen die deutsche Konkurrenz.

Während da die Auslieferungen erst vor kurzem (oder noch gar nicht) anliefen, war der I-Pace schon längst zu haben. Bevor sich also noch Audi, BMW oder Mercedes ins gehobene Elektrosegment aufmachten, fuhr der komplett neu entwickelte I-Pace schon. Noch etwas, dass den Briten sympathisch macht: Er ist kein umgebauter F-Pace (obwohl er sich bei seinen Achsen bedient), so wie der e-tron ein Q5 ist – beziehungsweise auf dem modularen Längsbaukasten von Audi steht.

Abgesehen von den nüchternen Fakten beeindruckt der Jaguar auch emotional: Die Beschleunigung ist gewaltig. Viel imposanter ist nur das unglaublich direkte Ansprechverhalten der E-Maschinen. Dass so wirklich gar keine Zeit zwischen Gasstoß und Vortrieb vergeht, ist gewöhnungsbedürftig, macht aber großen Spaß. Keine Doppelkupplung muss zwei Gänge abwärts schalten, kein Benzin muss in den Zylinder gesaugt werden – die Kraft ist einfach: da, jederzeit. Und speziell beim I-Pace ist so einiges an Kraft da: 404 PS werden an alle Räder geschickt.

Nur der Sound fehlt – zumindest den Traditionalisten. Ein bisserl kann man da aber nachhelfen: So haben die Briten der Raubkatze eine Software eingebaut, die einen künstlichen Klang generiert. Überraschenderweise hört sich der nicht synthetisch an, notwendig ist er aber nicht. Weil wenn schon E-Mobilität, dann richtig, dann mit all ihren Vor- und Nachteilen.

Um wieder zu den nüchternen Fakten zurückzukehren: 4,8 Sekunden. So schnell spurtet das E-SUV auf Tempo 100. Danach geht’s munter weiter, bis die Elektronik bei 200 km/h die Reißleine zieht. Ausfahren sollte man die aber weniger – nicht nur um Troubles mit der StVO zu vermeiden. Wie bei jedem anderen Fahrzeug auch, steigt der Verbrauch mit dem Tempo exorbitant (zumindest ab einem gewissen Grad). Das tut bei Elektroautos jedoch mehr weh, weil der Tankstellenaufenthalt nun mal weit über fünf Minuten hinausgeht.

Ein großer Unterschied, besonders zum e-tron, ist auch die markante Optik – innen wie außen. Der I-Pace macht kein Hehl um seine Antriebsart, duckt sich windschlüpfrig gen Asphalt. Innen inszenieren die Briten ein verspieltes Interieur, kindisch wirkt aber nix. Der Materialienmix ist hochwertig, auch bei der Verarbeitung gibt es nichts zu beanstanden. Allerdings gehört das Infotainment sicherlich nicht zu den modernsten – auch, wenn der Innenraum mit den beiden Displays das eigentlich suggeriert. Schön: Das Zusammenspiel zwischen analog und digital beim unteren Bildschirm.

Bei rund 79.000 Euro startet das lautlose Vergnügen. Wer so viel Geld ausgibt, nur um dann nach allen 300 Kilometern eine doch recht lange Pause einzulegen? Zwei verschiedene Mobilisten: Zum einen der, der neben dem Jag auch noch einen BMW 5er Touring und Porsche 911 vor der Villa in Döbling stehen hat. Und der, der bei Greta Thunbergs Reden in der ersten Reihe steht.