Power trifft Luxus

Im neuen Bentley Continental GT

Er war die erste Neuentwicklung nach der Übernahme durch VW und hat Bentley das Überleben gesichert. Doch auch regelmäßige Facelifts, ein halbes Dutzend Nischen- und Sondermodelle sowie der ungebrochene Zuspruch von Stars und Sternchen aus Sport- und Showbusiness können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Continental GT mittlerweile reichlich Staub angesetzt hat. Nach 14 fast schon biblischen Jahren ziehen die Briten deshalb jetzt zur IAA in Frankfurt das Tuch von der Neuauflage ihres noch immer wichtigsten Modells und machen dabei einen um so größeren Sprung.

Von Thomas Geiger

Denn wer für Preise, die zunächst wohl deutlich über 200.000 Euro beginnen und auch mit dem für später versprochenen Achtzylinder allenfalls knapp darunter fallen werden, in die neue Generation wechselt, der erlebt Nervenkitzel für Fortgeschrittene, versprechen die Briten – und stellen eine völlig neue Dimension an Fahrdynamik in Aussicht.

Möglich wird das nicht zuletzt durch den Wechsel der Architektur. War der Continental bislang das letzte Modell im VW-Konzern, das noch auf der Plattform des seligen Phaeton basierte, nutzt Bentley jetzt den neuen, von Porsche verantworteten Luxusbaukasten und macht seinen 2+2-Sitzer so zum Panamera im Pelzmantel. Dabei speckt der Luxusliner nicht nur zwei Zentner ab und bekommt elf Zentimeter mehr Radstand, die außen den Proportionen guttun und innen zusammen mit gut zwei Zentimetern mehr Breite spürbar die Platzverhältnisse verbessern. Sondern er bekommt zudem eine komplett neue Lenkung, ein neues Adaptiv-Fahrwerk mit rasend schnellen 48-Volt-Stellern und einer Dreikammer-Luftfederung, einen reaktionsfreudigeren Allradantrieb sowie eine schnelle Doppelkupplung anstelle der eher behäbigen Achtgang-Automatik.

Treibende Kraft bleibt zunächst ein W12-Motor, den Bentley ganz ohne Schützenhilfe aus Stuttgart auf der Höhe hält. Das Kraftwerk von stolzen sechs Litern Hubraum bekommt eine völlig neue Einspritzanlage und samt der Zylinderabschaltung sowie der beiden Twinscroll-Lader eine derart aufwändige Programmierung, dass der Motor erstmals sogar zwei Steuergeräte benötigt. Doch der in mehreren zehntausend Zeilen Softwarecode dokumentierte Aufwand zahlt sich aus: Die Leistung steigt auf 635 PS, das Drehmoment gipfelt nun bei 900 Nm und die Fahrleistungen liegen mit einem Sprintwert von 3,7 Sekunden und einem Spitzentempo von 333 km/h auf dem Niveau von Supersportwagen. Gemessen daran ist der Verbrauch von 11,7 Litern fast schon vernünftig. Nicht umsonst liegt er immerhin 16 Prozent unter dem des Vorgängers.

Zwar will der neue Continental GT sportlicher sein als je zuvor. Doch weil zu Bentley neben der Leistung immer auch der Luxus gehört, bleiben Glanz und Gloria dabei nicht auf der Strecke. Im Gegenteil hat Bentley auch noch einmal am Komfort gearbeitet sowie Ausstattung und Ambiente weiter verfeinert – nicht umsonst verarbeiten die Briten pro Auto zehn Quadratmeter Furnier, ziselieren ihre typischen Klimaausströmer und die Orgelzüge darunter nun wie die Lünetten von Luxusuhren und machen allein für die Ziernähte in den Lederpolstern 310.675 Stiche.

Während die VW-Tochter mit solchen Details das Hohelied der Handwerkskunst singt, brechen im Cockpit des Continental ebenfalls neue Zeiten an. Denn zum ersten Mal blicken die Insassen auf ein komplett animiertes Display, auf dem die Rundinstrumente nur noch simuliert werden. Doch so ganz trauen die Briten dieser neuen Technik offenbar selbst nicht. Den großen Retina-Touchscreen nebendran jedenfalls kann man deshalb mit einem Knopfdruck auch wieder im Cockpit verschwinden lassen: Wie eine überdimensionale Toblerone lassen zwei E-Motoren das gesamte Modul rotieren und zeigen alternativ eine elegante Holzkonsole oder drei mechanische Uhren.

Zu den Hightech-Instrumenten bekommt der Continental nahezu alle Finessen, die das Technikregal des VW-Konzerns hergeben – von den LED-Scheinwerfern über die 360 Grad-Kamera bis hin zu den nötigen Assistenten für das teilautonome Fahren. Die wird der gemeine Bentley Boy allerdings nur selten benutzen, glaubt Entwicklungschef Rolf Frech. Denn wenn die Briten nicht zu viel versprechen und der neue Continental tatsächlich der ultimative Grand Tourer ist, dann wird sich in diesem Auto kaum ein Kunde das Ruder aus der Hand nehmen lassen.