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Cupra Formentor: Der Urus des kleinen Mannes

2018 adelte der VW-Konzern Seats Sportlinie Cupra zur eigenständigen Marke. Ein eigenständiges Modell hat es die letzten zwei Jahre allerdings nicht gegeben. Das soll sich mit dem Cupra Formentor jetzt ändern.

Text: Maximilian Barcelli

Der wurde als Konzept erstmals im Zuge des Genfer Autosalons 2019 präsentiert. Große Überraschungen brachte die Vorstellung des Serienfahrzeuges dieses Jahr dann nicht mit sich, sogar optisch orientiert sich dieses stark am scharf gezeichneten Konzept: Bis auf den etwas entschärften Heckdiffusor und den Endrohren, die jetzt doch nicht in Kupfer gehalten sind, gibt es keine größeren Unterschiede.


Optisch eigenständig, technisch weniger.

Überhaupt definiert sich der Formentor primär über das Design. Weil so eigenständig, wie das von Cupra kommuniziert wird, ist das SUV besonders in technischer Hinsicht nicht. Natürlich steht auch der Formentor auf der (etwas gestreckten) MQB evo-Plattform. Und natürlich bedient sich Cupra auch sonst großzügig aus den Regalen des VW-Konzerns. Und wieso auch nicht? Immerhin sind die ja prall gefüllt und mit dem ein oder anderen Schmankerl gesegnet.

Ein solches wäre der zwei Liter große Vierzylinder, der im Volkswagen-Universum so ziemlich alles antreibt, was sportlich und quereinbaut ist: VW Golf R, Audi S3, Cupra Ateca und nun eben auch den Formentor. Dort leistet er 310 PS, was insofern erwähnenswert ist, weil der EA888 schon durch einige Power-Auf (von 300 auf 310 PS) und -Abs (von 310 wieder auf 300 PS dank dem OPF) ging. Zuletzt wurden Arteon und Tiguan R präsentiert, die mit 320 PS die bis dato stärkste Ausbaustufe des Turbobenziners in sich tragen. Arteon und Tiguan sind es auch, deren Allradantrieb fundamental überarbeitet wurde: Es gibt nun echtes Torque Vectoring an der Hinterachse.

Feiner Materialienmix und fehlerfreie Verarbeitung.

Im Cupra Formentor verteilt die Kraft noch das bekannte Haldex-System, die Hinterräder können also nur abgebremst werden. Zumindest am klatschnassen Handlingtrack lässt der 4Drive aber auch dem Heck genug Spielraum zum Ausbrechen. Besonders mit Mattias Ekström am Steuer:

Bevor wir ans Steuer des Cupra Formentor durften, hat uns Mattias Ekström noch schnell unser eigenes, fahrerisches Unvermögen aufgezeigt:

Gepostet von Motorblock am Donnerstag, 8. Oktober 2020

Weniger Spaß versteht da schon das ESP, das den Hintern auch im schärfsten Fahrmodus, dem Cupra-Modus, nach einer kurzen Rutschpartie schnell und bestimmt einfängt. Halb so wild. Einerseits interessieren sich etwaige Formentor-Kunden ja für einen dynamischen Crossover und keine Heckschleuder à la BMW M3. Anderseits lässt sich das ESP auch komplett deaktivieren – zumindest, wenn die Brembo-Bremsen für die Verzögerung verantwortlich sind. Die sind mit der kupfernen Farbe nicht nur schön anzusehen, sondern beißen auch böse zu.

Gekoppelt ist der 2-Liter-TSI an das ebenfalls schon bekannte siebengängige Doppelkupplungsgetriebe. Das arbeitet gewohnt perfekt. Nur wenn man den Formentor Rennstrecken-mäßig ausfahren möchte (was wohl die wenigsten Kunden im Sinn haben), ist der gewählte Gang auch im Cupra-Modus manchmal zu hoch. Wer es also wirklich wissen will, der sollte das Stufen-Sortieren selbst in die Hand nehmen. Oder eigentlich in die Finger: Der Wählautomatikhebel fürs Getriebe ist bei den neuen Fahrzeugen des VW-Konzerns (inklusive Porsche 911) ja zu einem Taschenrasierer verkommen, mit dem man Gänge nicht mehr manuell einstellen kann. Abhilfe für Selbstschalter liefern die Wippen am feschen Lenkrad.

Und das meinen wir, obwohl wir von einem Auto aus der VAG-Gruppe sprechen, gar nicht sarkastisch. Cupra hat den Billigsdorfer-Plastikwippen, die sogar in sportlicheren Premium-Modellen wie dem (alten) Audi S5 jeglichen Schaltspaß unterbanden, den Kampf angesagt. Stattdessen gibt’s jetzt größere und hochwertige Wippen, durch die das manuelle Gänge-Reinschmeißen wieder richtig Freude macht. Begleitet werden besonders Upshifts von einem dumpfen, basslastigen Sound, der im sportlichsten Fahrmodi dezent von den Boxen unterstützt wird.

Endlich Schaltwippen, mit denen das Gängesortieren richtig Spaß macht.

Nicht nur dezent unterstützt, sondern komplett von den Boxen übernommen wird der sportliche Sound im Cupra Leon Plug-in-Hybrid. Kein Wunder, ein 1,4 Liter großer Vierzylinder mit 150 PS Leistung ist nicht die beste Basis für Gänsehaut erzeugenden Klang. Zusammen mit der E-Maschine stehen am Ende dann zwar, genauso wie beim Octavia RS iV oder Golf GTE, 245 PS am Datenblatt – und die schieben auch solide an – mit dem alten, radikalen Seat Leon Cupra, der auch noch mit echten Endrohren aufwarten konnte, hat das aber wenig zu tun. Doch dahinter steckt System.

Nicht nur der Auspuffsound ist fake, die Endrohre sind es auch.

Denn auch wenn Cupra als Sportmarke gegründet wurde und das Design dieser Philosophie weiterhin folgt, so sorgen 310 PS starke Autos eher weniger für die ganz großen Verkaufszahlen – besonders nicht im Nova- und Motorbezogene Versicherungssteuer-geplagten Österreich. Und Cupra hat ambitionierte Ziele: Eine Milliarde Euro Umsatz will die spanische Marke im kommenden Jahr erwirtschaften, sollte Covid nicht dazwischenfunken.

Der Cupra Formentor wird maßgeblich am Erreichen dieses Ziels beteiligt sein; 50 Prozent des Gesamtvolumens soll der Urus des kleinen Mannes ausmachen. Und damit er das auch wirklich tut, wird es ihn mit einer Vielzahl an Motoren geben. Vom Basis-Benziner mit 150 PS und Handschaltung über einen Turbo-TDI bis hin zum 245 PS starken Plug-in-Hybriden: Jedem Geschmack sein Formentor. Nur nicht dem, der noch dem seeligen Seat Leon Cupra R nachweint.

Denn radikal ist der Formentor auch mit 310 PS nicht. Klar macht er schön Krach, marschiert ordentlich nach vorne (4,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h) und sieht sensationell aus – nicht zuletzt wegen den Farbkombinationen sowie den extremen Proportionen; der Formentor ist nur 1,51 Meter hoch. Doch das 15(!)-stufig verstellbare Fahrwerk (man kann’s auch echt übertreiben) ist absolut langstreckentauglich, die Lenkung präzise aber nicht nervös und der Innenraum zwar sportlich angehaucht, aber nicht unkomfortabel. Ja, der Cupra Formentor ist ein Kompromiss. Ein ziemlich guter, allerdings.

Die Motorhaube ist besonders muskulös gezeichnet.

Doch auch für diejenigen, die keine Kompromisse eingehen wollen, selbst wenn sie gut sind, stellt Cupra etwas in Aussicht. Nein, nicht die Top-Ausbaustufe des EA888. Besser noch. Viel besser. Genauer gesagt um einen Zylinder besser. Aber wir wollen nicht zu viel verraten …

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Maximilian Barcelli

Bei 7.000 Touren beginnt der Spaß für den mehr begeisterten denn begnadeten Autofahrer.

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